50 Jahre der Musik und Gemeinschaft verschrieben

Musik in Mönchengladbach

Horst Couson leitet seit 50 Jahren den ShalomChor

Mit den Sängerinnen und Sängern ist der Lehrer bereits in Kirchen, Gefängnissen und Kinderheimen aufgetreten. Für ihn gilt: „Musik ist der beste Klebstoff zwischen Menschen“. Das ist nur einer der Gründe, warum er bis heute nicht aufgehört hat.

Bis heute der Musik verschrieben – Horst Couson ist bereits seit 50 Jahren mit dem ShalomChor aktiv. Foto: Markus Rick (rick)

 

Horst Couson sagt, Musik ist der beste Klebstoff. Theologie komme ohne Musik nicht aus. Karneval auch nicht. Dem Sport verleiht Musik die richtige Würze, zum Beispiel wenn ein Tor fällt und man den Emotionen freien Lauf lassen möchte. Ein Film werde oft langweilig, wenn man den Ton abdreht. Horst Couson hat lange als Musik- und Religionslehrer in Erkelenz gearbeitet, in diesem Jahr ist er außerdem seit nunmehr 50 Jahren Chorleiter des ShalomChors in Mönchengladbach. Was ihn all die Jahre gehalten hat? „Das liegt daran, dass ich so entscheidungsschwach bin“, sagt er leichthin. Ein bisschen mehr steckt wohl aber schon dahinter.

Der ehemalige Lehrer sitzt selten still. Er lacht viel, macht „Badumm, badumm-tsss“ mit dem Mund und schnipst rhythmisch mit den Fingern, um zu verdeutlichen, wie ein Takt klingen könnte. Wenn man ihn fragt, wie es zu dem Namen des Chores gekommen ist, singt er erst einmal mit kräftiger Stimme „Shalom Chaverim“. Die Geschichte dahinter kennt unsere Redaktion bereits: Der Chor startete ursprünglich als Jugendgruppe in Hardterbroich, die dem damaligen Kaplan dort zu dessen Geburtstag ein Ständchen bringen wollte.Kostenpflichtiger Inhalt Johannes van der Vorst war dessen Name, späterer Pastor in Geistenbeck. Als sich jedoch immer mehr Sänger aus anderen Stadtteilen dazugesellten, wollte man sich einen neuen Namen geben: Alle Mitglieder wurden gebeten, eine Melodie zu summen, man wollte auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Nach wenigen Minuten, so wird es erzählt, summten alle „Shalom chaverim“ („Friede sei mit Euch“).

Musik gemacht hat Horst Couson immer. Auch geliebt. Der Mönchengladbacher lernte mit zehn Jahren Geige spielen. Später kam er zur Klarinette. Er musizierte im Schulorchester des Humanistischen Gymnasiums; nach dem Abitur kaufte er sich von dem Geld, das er als Zeitungsausträger bei der Druckerei, in der sein Vater arbeitete, verdiente, ein Saxophon. „Im Bunten Garten habe ich gestanden und Free Jazz gemacht“, erinnert er sich an die Zeit. Nur professionalisieren wollte er es mit der Musik nie.

Horst Couson kam über eine Schülerin zum Chor

Stattdessen entschied sich Horst Couson für ein Lehramtsstudium in den Bereichen Physik, Mathe und Sport in Neuss. Als Referendar landete er – wie es der Zufall wollte – ausgerechnet an der Schule in Mönchengladbach, an der er selbst vor Jahren eingeschult wurde. Es gab keinen Musiklehrer, dafür aber einen alten Handarbeitsraum mit Nähmaschinen, der nicht benutzt wurde. Zunächst unterrichtete Couson bloß Sport und Mathematik. Doch: „Irgendwann habe ich die Nähmaschinen einfach weggeräumt“, sagt er.

Von da an brachte Horst Couson seinen Schülern Jazz näher. Popmusik. Eine seiner Schülerinnen erzählte Zuhause: „Wir haben einen Lehrer, der singt mit uns. Das ist klasse“. Die Schwester der Schülerin, die im späteren ShalomChor aktiv war, sprach Couson an, ob er nicht mal dazukommen könne.

Im Herzen ist der Chor bis heute eine Jugendgruppe – und ein bisschen wie Familie

Man übte gemeinsam, es kamen Instrumente und weitere Sänger hinzu. Horst Couson lernte Klavier, fuhr zu Meisterkursen nach Trier. Er legte Erweiterungsprüfungen im Bereich Musik ab, kam so auch in den gymnasialen Schuldienst. Nicht immer nur war das Feedback positiv, sagt Couson. „Was macht das Schlagzeug in der Kirche“, hieß es früher oft bei Auftritten. Oder: „Wann kommen denn die Jugendlichen aus dem Jugendchor in den Kirchenchor?“ Horst Couson schüttelt lachend den Kopf. „Das machten wir nicht.“ Der ShalomChor bewegte sich freier. Der damalige Pfarrer hatte Verständnis – und ließ die jungen Musiker machen.

Im Kern ist der Chor genau das immer geblieben, sagt Horst Couson. Eine Jugendgruppe, die gemeinsam Zeit verbringt, betet und miteinander musiziert. Nur, dass die meisten inzwischen Senioren sind. Alleine um den Chor kümmern musste er sich nie. Couson nennt unter anderem Johannes Goedeke, seinen „Bruder“, Gitarrist und Pastoralreferent in Hardterbroich. Mit ihm habe er angefangen, jiddische Musik zu spielen. Stefan Wershofen, der als Erster im Chor Haarausfall bekam. Seine Frau, die ihm das Engagement erst ermöglicht habe.

Der Chor ist bereits in Gefängnissen und Kinderheimen aufgetreten – und war in Israel

Seit 1975 ist viel passiert. Zahlreiche CDs, die in der Zeit entstanden sind. Noch mehr Konzerte, die gegeben wurden. Man habe in Kirchen gesungen, im Gefängnis, in Kinder- und Altenheimen. Gemeinsam mit einigen Mitgliedern besuchte Couson Israel und sang jiddische Lieder in der Hadassah-Klinik, vor den leuchtenden Fenstern von Marc Chagall. Auch unter Polizeischutz ist der Chor schon aufgetreten. Kurz nach dem Anschlag von Halle am 9. Oktober 2019 an Jom Kippur war das, als sie in der Nähe von Leipzig auftraten. In der Erzählung klinge das dramatisch, sagt Couson. In der Realität habe keiner sie behelligt. Der Polizei gefiel die Musik auch.

Der ShalomChor ist nicht der einzige Chor, den Horst Couson musikalisch betreute. Zwischendurch hatte er beispielsweise die Leitung eines Männerchores in Wickrathhahn. Als er mit etwa 50 Jahren zwischen Unterricht, Theateraufführungen, Pendeln und Chorleitung mit einem Burn-Out zu kämpfen hatte, gab er einige Sachen ab – nicht aber den ShalomChor.

Bestimmt fünf oder sechs Ehen seien über den Chor zustande gekommen. Der ShalomChor habe bei der Taufe seiner Kinder gesungen, er sei bei der Hochzeit seines Sohnes aufgetreten. Schon 1976 fuhr man gemeinsam auf eine Jugendfreizeit nach Hohentauern. Kurz zuvor war Horst Couson auf der Schulmusikwoche in Salzburg gewesen. Dort lernte er selbst seine heutige Frau kennen. Musik ist der beste Klebstoff – bis heute.
(rowi rei)

Quelle: RP